Weiblich, romantisch, genial
Herbstkonzerte des Bonner Orchestervereins mit der Geigerin Matilde Margalho
Zwei Meisterwerke der Romantik begegnen sich in den diesjährigen Herbstkonzerten des Bonner Orchestervereins. Unter der Leitung von Robert Wittbrodt präsentiert das nach dem
Beethovenorchester zweitälteste Bonner Sinfonieorchester ein Programm voller Originalität und Leidenschaft. Im Mittelpunkt stehen Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert und die
1. Sinfonie von Louise Farrenc.
• Samstag, 14. November 2026 um 18:00 Uhr im Augustinum Bonn
(Römerstraße 118, 53117 Bonn), Eintritt 15 EUR (ermäßigt 7,50 EUR)
• Sonntag, 22. November 2026 um 18:00 Uhr in der Heilandkirche Bad Godesberg
(Domhofstraße 43, 53179 Bonn), Eintritt frei, Spende erbeten am Ausgang
Mit seinem Violinkonzert von 1845 schuf Felix Mendelssohn ein Geniestück, das bis heute zu den meistgespielten Solokonzerten für Geige zählt. Es bricht mit alten Traditionen: Die Violine setzt ohne langes Orchester-Vorspiel ein, die Sätze gehen nahtlos ineinander über, die Melodien strotzen von Einfallsreichtum und überirdischer Schönheit. Für dieses hochartistische Werk konnte der Bonner Orchesterverein die aufstrebende portugiesische Geigerin Matilde Margalho als Solistin gewinnen. Die junge Künstlerin, die an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studiert, interpretiert das Werk mit jugendlicher Frische und virtuoser Tiefe. Die Entstehungsgeschichte von Mendelssohns Geniestreichs ist untrennbar mit einer Tragik verbunden, die die eigene Familie des Komponisten betrifft. Seine Schwester Fanny Hensel war eine ebenso begabte Komponistin. Während Felix weltweiten Ruhm genoss, wurde Fanny von der Gesellschaft eine professionelle Laufbahn weitgehend untersagt. Mendelssohns Meisterwerk erinnert uns so auch an die vielen ungehörten Stimmen der Frauen jener Ära, deren Kunst im Verborgenen bleiben musste.
Wie hell ein weibliches Genie strahlen konnte, wenn es sich allen Widerständen zum Trotz durchsetzte, beweist das zweite Werk des Abends: die 1. Sinfonie von Louise Farrenc aus dem Jahr 1842. Farrenc war eine absolute Ausnahmeerscheinung des Pariser Musiklebens. Als erste Professorin für Klavier am renommierten Pariser Konservatorium kämpfte sie jahrelang erfolgreich für die gleiche Bezahlung wie ihre männlichen Kollegen. Farrenc steht damit nicht allein: Sie ist Teil einer bahnbrechenden Generation von Frauen, die im 19. Jahrhundert die von Männern dominierten Kultur- und Gesellschaftsbereiche eroberten. In der Literatur trotzte Farrencs Zeitgenossin George Sand den Konventionen, indem sie in Männerkleidung auftrat und unter männlichem Pseudonym Weltliteratur schrieb. In England veröffentlichten die Brontë-Schwestern zeitgleich aufrüttelnde Romane, während Annette von Droste-Hülshoff im deutschsprachigen Raum die Lyrik revolutionierte. Auch abseits der Kunst griffen Frauen nach der Unabhängigkeit: In der Wissenschaft legte die Mathematikerin Ada Lovelace im Jahr 1843 – fast zeitgleich zu Farrencs Sinfonie – das Fundament für die moderne Informatik, während die französische Unternehmerin Marie Tussaud in London ein weltweites Kulturimperium aufbaute. Farrencs erste Sinfonie ist das musikalische Äquivalent zu diesem weiblichen Aufbruch: ein orchestrales Kraftpaket, das sich vor den großen Werken Beethovens und Schumanns nicht verstecken muss. Mit Pathos, Drama und Energie fegt Farrenc das Vorurteil vom Tisch, Frauen könnten nur „liebliche Salonmusik“ schreiben. Der Bonner Orchesterverein bringt diese Partitur, die sich mehr und mehr die Konzertsäle weltweit erobert, mit gebührender Wucht undRaffinesse auf die Bühne.
